Mythen

Der Bierbauch – gerne zitiert und oft gesehen

Sie hält sich hartnäckig: die Mär vom Bierbauch. Als Drohung für den einen oder anderen Biertrinker mag sie auch heute noch als gelungene Abschreckung dienen. Aber was ist wirklich dran an der Geschichte? 

Karikatur von Dieter Hanitzsch

Betrachtet man die Kaloriengehalte unterschiedlichster Getränke, so schneidet das Pils mit 43 Kalorien in 100 Milliliter im Vergleich zum Apfelsaft, der mit 57 Kalorien in der gleichen Menge, und Sekt, der gar mit 83 Kalorien zu Buche schlägt, erst einmal sehr gut ab. Daran kann es also nicht liegen. Jeder von uns nimmt dann an Gewicht zu, wenn er mehr Kalorien zu sich nimmt, als er verbraucht. Aber keiner wird das eine oder andere Kilo zu viel auf einen übermäßigen Konsum von Apfelsaft zurückführen. Der (Bier-)Bauch ist hauptsächlich eine Folgeerscheinung falscher Ernährung und mangelnder Bewegung. Die Herleitung kommt vermutlich daher, dass Bier früher meist von Männern getrunken und so die Schlussfolgerung gezogen wurde, dass das Übergewicht der Herren auf die vielen Gasthausbesuche zurückzuführen sein musste. Vermutlich kam der Bauch auch hier zustande, aber nicht das Bier per se war der Verursacher, sondern die Menge des Bieres und das Essen, das dazu verspeist wurde. Denn was in der Tat richtig ist: Bier hat eine appetitanregende Wirkung. Kohlensäure und Alkohol regen verstärkt die Magensäureproduktion an, und so kommen schnell ein Hungergefühl und der Wunsch noch ein paar Häppchen zum Bier auf. Dass Bierkonsum und Übergewicht keinen Kausalzusammenhang haben, bewies auch eine Studie des Londoner University College, bei der Menschen im Alter zwischen 25 und 64 Jahren untersucht wurden. Fazit: Bei Männern stehen Bierkonsum und Übergewicht in keinem Zusammenhang. Bei den Frauen waren die Ergebnisse noch bemerkenswerter: Frauen, die moderat Bier trinken, seien im Durchschnitt sogar etwas dünner als abstinent lebende Frauen, so die Studie. Grundsätzlich gilt: Was zu viel ist, ist zu viel – von allen Getränken und allen Speisen.

Bier – ein reines Männergetränk?

Falsch, denn die Mehrzahl der Frauen trinkt durchaus gerne Bier. Eine Studie des Max-Rubner-Instituts, des Bundesforschungsinstituts für Ernährung und Lebensmittel, ergab, dass 48 Prozent der Frauen lieber Bier trinken als Wein. Spirituosen und andere alkoholische Getränke finden laut Studie weniger Zuspruch. Die Untersuchung zeigte zudem, dass gerade bei den 19- bis 24-Jährigen die Geschlechterfrage keine Rolle spielt, denn in dieser Altersgruppe trinken sowohl Frauen als auch Männer am liebsten Bier, wenn sie alkoholische Getränke genießen.

„Bier auf Wein, das lass sein“ oder „Wein auf Bier, das rat ich dir“

Eine Weisheit – egal in welcher Formulierung genutzt –, die sich beharrlich in den Köpfen der Konsumenten und Medien hält. Sie entbehrt jedoch jeglicher wissenschaftlicher Grundlage: Seinen Ursprung hat der Trinkspruch im Mittelalter, wo er die sozialen Unterschiede symbolisierte: Bier galt damals als Getränk der einfachen Stände, Wein hingegen war einer elitären Oberschicht vorbehalten. Inzwischen gilt: Auf die Menge kommt es an. Alkoholkonsum im Übermaß ist schädlich – egal in welcher Reihenfolge.

Das perfekte Pils in sieben Minuten

Richtig ist: Ein frisches Bier kann und sollte in maximal zwei bis drei Minuten und zwei Zügen gezapft werden. Durch zu langes Zapfen verliert Bier viel Kohlensäure und wird dadurch schal und warm. Perfekt wird ein Bier, wenn ein sauberes, kalt ausgespültes Glas schräg gehalten, zu etwa zwei Drittel angezapft, kurz abgestellt und anschließend mit dem kunstvollen Aufsetzen einer Schaumkrone nachgezapft wird. Die Sieben-Minuten-Mär stammt vermutlich noch von früher üblichen Zapfanlagen.

Dunkles Bier ist stärker als helles Bier

Es gibt keinen grundsätzlichen Zusammenhang von Farbe und Alkoholgehalt des Bieres. Die dunklere Farbe kommt lediglich zustande, weil andere Malzarten, etwa Dunkel- oder Röstmalze, beim Bierbrauen verwendet wurden. Diese verleihen dem Bier zwar eine intensivere Färbung und röstige, kaffee- oder schokoladenartige Aromanoten, verändern aber den Alkoholgehalt nicht automatisch.

Biervielfalt ade?

Im Gegenteil: Wer den Markt beobachtet, stellt fest, dass die Marken- und Sortenvielfalt deutscher Biere zunehmen. Mit Blick auf die weltweit einzigartige Brauerei- und Biervielfalt in Deutschland kann davon ausgegangen werden, dass es zur Jahrtausendwende rund 5.000 verschiedene Biere auf dem deutschen Biermarkt gab. Allein in den letzten zehn Jahren sind rund 70 Braustätten in Deutschland hinzugekommen. Der Brauer-Bund schätzt, dass es allein in Deutschland mittlerweile zwischen 5.500 und 6.000 verschiedene Biermarken gibt, wobei die Biersorte Pils mit über 50 Prozent Marktanteil in der Beliebtheit der Verbraucherinnen und Verbraucher weiterhin unangefochten auf Platz eins steht, gefolgt von Export und Weizenbier.

Bier ist halt Bier

Deutschland ist eine der führenden Biernationen der Welt, die die Bierkultur und die Braukunst über viele Jahrhunderte entscheidend mitgeprägt hat und dies auch in Zukunft machen wird. Wir sind Bierkenner – geschichtlich betrachtet. Und deutsches Bier ist halt nicht nur Bier. Der deutsche Biermarkt wird immer vielfältiger und legt weiter an Dynamik zu. Jede Woche kommt mindestens ein neues Bier von innovativen Braumeistern aus Deutschlands Brauereien auf den Markt. Nirgendwo ist der Biermarkt daher so abwechslungsreich wie in Deutschland und bietet eine spannende Auswahl von hellen, schlanken bis hin zu komplexen und aromaintensiven Bieren. Deutsche Bierenthusiasten könnten rein rechnerisch mehr als 15 Jahre lang jeden Tag ein anderes Bier probieren – und müssten dabei keines zweimal kosten.