Frauen für Bier begeistern: Interview mit Bierkönigin Marlene Speck

Die Dienstuniform hat man ihr nicht extra anfertigen müssen. Eine Auswahl Dirndl hatte Marlene Speck schon vor ihrer Wahl zur Bierkönigin im Schrank. Jetzt muss sie zeigen, dass sie auch repräsentieren kann.

Quelle: Bayerischer Brauerbund

Sie studieren in Köln interkulturelle Kommunikation. Das heißt: Die Bayerische Bierkönigin trinkt Kölsch?

Unter uns: Kölsch trinke ich nur, wenn's gar nicht anders geht. Zu Karneval oder so.

Beim Bier sind Sie heikel. Sie führen sogar ein Bier-Tagebuch, heißt es.

Stimmt! Ich heb' von jedem Bier das Etikett auf, schreib dazu, wo ich es getrunken habe, wo es herkommt, aus welchem Land und welcher Stadt.

Steht in dem Buch auch drin, wie die Biere schmecken?

Nein. Es passiert zu oft, dass mir Biere, die ich mal gemocht habe, nicht mehr schmecken. Und umgekehrt. Deshalb bin ich mit Einschätzungen vorsichtig.

Wie sind Sie eigentlich zum Bier gekommen?

Also, bei uns daheim wurde natürlich immer schon Bier getrunken. Aber Bier als Genussgetränk habe ich erst in Kleinst-Brauereien in Kanada kennengelernt. Es waren abenteuerliche Mixe, die es da gab: Ingwerbier. Karottenbier. Von dem Moment an hat mich das Biermachen und Brauen fasziniert.

Bier galt lange als Männergetränk.

Ja, aber das ist Quatsch. Schon Hildegard von Bingen hat Bier gebraut! Wahr ist, dass viele Frauen beim Bier immer noch fremdeln. Frauenbiere oder Biere, die als solche vermarktet werden, kommen auch immer ein bisschen handzahm daher. Ich sage: Traut euch! Denn in dem Moment, wo man sich eingehender mit Bier befasst, stößt man auf tolle Sachen, von denen man gar nicht gedacht hätte, dass sie einem schmecken. Und wer sagt denn, dass es immer Prosecco sein muss? Oder Sprizz?

Macht Bier dick?

Es ist nicht das Bier, das dick macht. Sondern, was man dazu isst. Wenn man jeden Tag fünf Mass trinkt, geht's irgendwann auf die Figur. Logisch. Aber grundsätzlich sind's mehr die Schweinshaxn, die auf die Hüfte schlagen!

Aus Österreich kommt jetzt ein Low-Carb-Bier mit weniger Kalorien und Kohlehydraten.

Ach geh! Ich finde: Wenn man Lust hat auf ein Bier, dann sollte man es genießen und sich diesen Genuss nicht durch den Gedanken an Kalorien, Kohlehydrate etc. kaputt machen lassen.

Gibt es überhaupt so etwas wie typische Frauenbiere?

Hopfenaromatische Biere kommen bei Frauen gut an. Das sind Biere, die sind nicht so bitter. Auch Weißbiere trinken die meisten Frauen gern: Sie sind nicht so trocken und haben dazu noch diesen ausgeprägten Frische-Faktor.

Welches ist Ihr persönliches Lieblingsbier? Oder dürfen Sie das als Bierkönigin nicht sagen?

Das dürfte ich schon! Es ist nur so, dass ich der totale Probierer bin. Wenn ich die Gelegenheit habe, was Neues zu probieren, tue ich's auch. Was mir schmeckt, ist außerdem immer eine Frage der Umstände: Mal habe ich Lust auf einen richtig krassen Doppelbock, mal auf was Leichteres wie ein Pils. Und wie bei den Sorten ist es mit den Marken: Ich könnte mir nie eine heraussuchen, die ich dann für den Rest meines Lebens trinke. Dafür gibt es viel zu viele gute Biere und gute Brauereien.

Es heißt, dass Sie auch selber brauen. Wie habe ich mir das vorzustellen?

Na ja, ich hab' eine Malzmühle und einen Einkochtopf daheim in Starnberg in der Küche stehen. Da gehen so 25, 30 Liter rein. Erst bestelle ich Malz, Hopfen, Hefe. Dann geht's ans Einmaischen. Dafür habe ich mehrere Gäreimer. Und ein Gärthermometer. Es gibt Tage, da stehe ich von früh bis spät am Sudkessel.

Mit Ihrer Leidenschaft sind Sie nicht allein. Ein Münchner Start-up, das ein Bierbrau-Set für zu Hause anbietet, wurde gerade für den Deutschen Gründerpreis nominiert.

Meine Hoffnung ist, dass die Leute über die Heimbrauer- und Craftbier-Szene auch das Getränk als solches wieder mehr wertschätzen. Die Realität ist ja, dass billiges Bier getrunken wird und dass man sich sein Tragl aus dem nächstbesten Supermarkt holt.

Die Deutschen trinken immer weniger Bier. Andererseits gibt es immer mehr Sorten. Ist der Do-it-yourself-Trend die Antwort darauf?

Beim Brauen hat man selbst in der Hand, was dabei herauskommt. Man weiß, wo die Zutaten herkommen, wie das Produkt hergestellt wird. Das finden immer mehr Leute sexy!

In Deutschland könnte ich mehr als 15 Jahre lang jeden Tag ein anderes Bier probieren, habe ich gelesen. Der Späti bei mir um die Ecke hat 350 Biere im Angebot - "aber das Richtige", sagt der Chef, "ist leider nie dabei". Was ist da los?

Ich denke, da sucht einer nach dem Heiligen Gral des Bieres - und da kann es dann schon sein, dass man an den eigenen Erwartungen zerschellt. Generell finde ich die neue Vielfalt aber ziemlich wunderbar. Es ist ja auch so, dass man allein mit Hopfen, Malz und Hefe Aromen herrlich ausbalancieren kann.

Selbst alteingesessene Brauereien machen plötzlich auf exotisch: Maisel in Bamberg zum Beispiel vertreibt Indian Pale Ale oder Schokoladenbock. Haben Sie's schon probiert?

Die Sachen von Maisel & Friends kenne ich, ja, finde ich auch gut. Mir gefällt auch der Gedanke, dass man Bier nicht wie Wasser trinkt. Dass es nicht immer gleich die Halbe sein muss. Dass man sein Bier genießt wie einen guten Wein.

Für alle, die mit Hellem und Dunklem, Weißbier und Pils aufgewachsen sind: Was ist ein Indian Pale Ale?

Ein stärker gehopftes Bier, auch stärker eingebraut. Das hat man zu Kolonialzeiten so gemacht, damit das Bier den Export aus dem Vereinigten Königreich nach Indien übersteht. Damals ging es um die Haltbarkeit. Heute wird Indian Pale Ale vor allem wegen seiner trockenen Bitternoten geschätzt.

Und wie kommt die Schokolade in den Bock?

Schokoladen- oder auch Kaffeenoten kommen von den Malzen. Entscheidend ist, wie man die Malze abgart, bei welchen Temperaturen und wie lange. Wie man die Malzausschüttung gestaltet, ob stärker oder weniger stark. Denselben Effekt erreicht man natürlich, wenn man Schoko- oder Kaffee-Extrakt zusetzt. Aber das ist keine Kunst.

Sind exotische Biere die Zukunft?

Gute Frage! Positiv ist, dass die Diskussion ums Bier dadurch angekurbelt wird. Das Interesse am Produkt steigt, wenn darüber geredet wird. Auf der anderen Seite trinken die Deutschen nach wie vor am liebsten Pils. Die klassischen Sorten dominieren. Es wird also noch einige Zeit dauern, bis sich der Craft-Bier-Trend oder der Trend hin zu mehr Sortenvielfalt auch in Konsum- und Kaufgewohnheiten niederschlägt.

Passt die neue Vielfalt eigentlich noch mit dem guten, alten Reinheitsgebot zusammen?

Das ist genau die Diskussion, die gerade um die Craftbier-Szene entsteht. Infusionierte Biere mit Extrakten, Gewürzen etc. vertragen sich sicher nicht mit dem Reinheitsgebot. Ich hab in Blogs auch gelesen, dass einige junge Wilde das Reinheitsgebot am liebsten abschaffen würden. Schaun mer mal, was passiert.

Das Reinheitsgebot gibt es seit fast 500 Jahren. Wird es noch weitere 50 Jahre halten?

Früher wurden Verstöße gegen das Reinheitsgebot bestraft. Heute darf man so ein Getränk nur nicht als "Bier" verkaufen. Ich denke, dass es das Reinheitsgebot auch in 50 Jahren noch gibt. Vielleicht in erweiterter Form. Ich seh's als Garantie - dafür, dass Bier das tolle Getränk bleibt, das es seit 500 Jahren ist.

Die Fragen stellte Hermann Weiß.

Quelle: WELT am SONNTAG vom 07.06.2015
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Axel-Springer-Verlages